Der Vielfalt gerecht werden: Kommentar von Iva Krtalic, WDR-Integrationsbeauftragte

01.05.2017

Kommentar von Iva Krtalic, Beauftragte für Integration und interkulturelle Vielfalt beim WDR

Die britische Theoretikerin Sara Ahmed erzählt eine Anekdote aus der Zeit, als sie für ihr Buch „On Being Included“ über Vielfalt in den akademischen Institutionen recherchiert hat. Eine Gesprächspartnerin, Vielfalts-Beauftragte einer britischen Universität, schlägt die neue Unternehmensseite ihrer Institution im Netz auf, auf der die „senior manager“, Führungskräfte, abgebildet sind. Beim Anblick der Bilder lacht sie auf und fragt: „Sind die etwa verwandt?“.

Weiße Männer, Mitte fünfzig, Anzug, Krawatte: Das Bild ist so geläufig, dass erst ein Witz die Aufmerksamkeit darauf lenkt, dass es die gesellschaftliche Zusammensetzung kaum spiegelt. Oft ist es nur den Menschen, die durch ihre Herkunft, sexuelle Orientierung, Behinderung oder ein anderes Merkmal der „Andersheit“ von einer vermeintlichen Norm abweichen, sichtbar, wie homogen manch eine Organisation tatsächlich ist. Deshalb gilt es, die „Normalität“ solcher Zusammensetzungen bewusst infrage zu stellen.

In vielen deutschen Redaktionen ist es oft nicht anders. Es gibt keine umfassenden Zahlen, aus verschiedenen Studien wissen wir aber, dass die Anzahl der Journalistinnen und Journalisten weit unter der Gesamtzahl von Menschen mit Migrationshintergrund liegt. Deutschlandweit hat ihn gut jeder fünfte Mensch – die kulturelle Mischung ist heute Normalität.

Im Westdeutschen Rundfunk hat man diese Diskrepanz erkannt: In unserem Sendegebiet, Nordrhein- Westfalen, leben über 26 Prozent Menschen mit Migrationshintergrund, jedes dritte hier geborene Kind stammt aus einer Familie mit mindestens einem im Ausland geborenen Elternteil. Diesem Publikumswandel müssen wir als Landessender gerecht werden.

Was heißt das konkret? Natürlich nicht, dass wir den heutigen „Babys mit Migrationshintergrund“ in Zukunft nur Beiträge über Integration auftischen sollten. Das wird aber wohl heißen, dass diese Menschen – auch wenn Deutsch ihre dominante Sprache und Deutschland ihre Heimat ist – die Vielfalt auf die eine oder andere Weise verkörpern werden. Sie werden in ihrem Familienkreis vielleicht eine andere Sprache sprechen oder hören, Ferien in der Heimat der Eltern verbringen. Möglicherweise werden sie eine türkische Serie verfolgen oder Fan einer kroatischen Fußballmannschaft sein. Ihr Leben wird im kleinen oder großen Ausmaß durch transnationale Praktiken geprägt sein. Und es wird sich in einem sozialen Raum abspielen, der in vielen Segmenten durch die kulturelle Mischung, durch Hybridität, geprägt ist. Für die heutigen „bio-deutschen“ Babys wird dies übrigens nicht anders sein, diese Realität wird auch ihr Verständnis der eigenen kulturellen Identität prägen.

Ich bin glücklich darüber, dass ich im WDR an eine Tradition anknüpfen kann, die kulturelle Vielfalt als Thema – sowohl im Programm als auch im Personal – als Ressource betrachtet. Trotzdem gibt es Luft nach oben. Auch die aktuellen Diskussionen rund um die Rolle der öffentlich-rechtlichen Medien werfen die Frage auf, ob wir die ganze Bandbreite der sozialen Vielfalt widerspiegeln: die unterschiedlichen Kulturen und Geschlechter, Bildungsgrade und Lebenslagen. Die Diskussion tut uns eigentlich ganz gut, denn so wird uns als Journalisten auch klarer, wo die Defizite von Organisationen liegen, die den Diskurs über das Zusammenleben in unserer – vielfältigen – Gesellschaft wesentlich prägen.

Natürlich hat sich in den letzten Jahren vieles, sogar sehr vieles in den Medien geändert. Menschen mit ausländischen Wurzeln sind auf den Bildschirmen viel sichtbarer geworden. Über das Zusammenleben wird mit viel mehr Gelassenheit berichtet. Trotzdem denke ich, dass viele Themen und Sichtweisen erst präsent werden, wenn ein „Betroffener“ in die Redaktion kommt – schließlich schauen wir alle auf die Welt durch die Brille der eigenen Biografie.

Dass vielfältige Teams in der vielfältigen Wirklichkeit besser – auch wirtschaftlich – agieren, ist eine Grundannahme im Diversity Management. Ich finde aber, ein Bekenntnis zur Vielfalt muss viel mehr wollen als Gewinnmaximierung – besonders in den Medienhäusern. Es geht hier nicht primär darum, „zahlende Kunden“ des Rundfunkbeitrags zu bedienen, sondern darum, Vielfalt als zentrales gesellschaftliches Thema zu begreifen und aus dieser Quelle zu schöpfen.

Zugegeben: In Zeiten von zunehmender Arbeitsplatzunsicherheit ist es nicht leicht, Vielfalt als Wert für alle darzustellen. Am wichtigsten erscheint mir hier, dass eine Vielfaltsstrategie keine leere Phrase bleibt, eine Checkliste von Pflichtübungen. Vielmehr geht es darum, Heterogenität in der Belegschaft als Ressource zu verstehen. Es geht nicht (nur) um die Inklusion von Minderheiten, sondern von allen Beschäftigten, die in ihrer Unterschiedlichkeit wertgeschätzt werden. Erst dann können Gruppen, die strukturelle Unterstützung brauchen, gefördert werden, ohne dass dies als Bevorzugung empfunden wird.

Und: Die Geschäftsleitung muss hinter dieser Haltung stehen. Andernfalls laufen alle Bemühungen gegen das, was Sara Ahmed in ihrem Buch auf Seite 27 zeigt: Dort ist nämlich eine Mauer abgebildet.

Iva Krtalic
© Foto: Iva Krtalic

Dieser Beitrag wurde der Publikation "Forum Migration Mai 2017" entnommen.