„Die Logik des Gegeneinander durchbrechen“: Interview mit Marilyne Poulain vom franzöischen Gewerkschaftsbund CGT

01.04.2017

Am 23. April wird in Frankreich gewählt. Die rechtsextreme Front National liegt in Umfragen bei 26 Prozent, ihr Wahlkampf richtet sich explizit auch gegen migrantische Arbeiter_innen. Marilyne Poulain ist beim Gewerkschaftsbund CGT (Confédération générale du travail) in Paris zuständig für Migration. Sie berichtet, wie gewerkschaftlich organisierte Migrant_innen mit der Situation umgehen.  

Forum Migration: Frau Poulain, wie haben die Gewerkschaften im Wahlkampf für die Rechte von Migrant_innen interveniert?

Marilyne Poulain: Meist in Form von Streiks. Derzeit etwa in der Metro von Paris. Dort arbeiten Dutzende Migranten aus der Türkei, Kurdistan, Bulgarien und Osteuropa. Sie haben keine Verträge von den Subunternehmen der Baufirmen bekommen, mussten monatelang auf ihre Gehälter warten. Dabei sind das öffentliche Bauten. Die Kollegen haben sich im Januar an die Gewerkschaft gewandt und sind in Streik getreten. Es gab eine sehr intensive Medienkampagne, wir konnten vermitteln, dass der Lohn und die Arbeitsbedingungen komplett widerrechtlich waren. Sie sind nicht die einzigen. Afrikanische und chinesische Frauen, die für einen Euro pro Stunde in Nagelstudios in Paris gearbeitet haben, papierlose malische Bauarbeiter, deren Kollege auf einer Baustelle in Flamanville in der Normandie schwer verletzt wurde, westafrikanische Arbeiter, die Mitte März den Großmarkt in Rungis bei Paris blockiert haben: All diese Streiks richten sich gegen die Bedingungen, zu denen viele migrantische Arbeiter in Frankreich beschäftigt sind. Sie bekommen keine Arbeitserlaubnis und werden deshalb öfter ausgebeutet.  

Warum ist das so?  

Asylbewerber etwa haben meist kein Recht zu arbeiten. Theoretisch können sie nach neun Monaten eine Erlaubnis bekommen, aber diese wird nur sehr selten erteilt. Dann gibt viele Menschen, die gar keine Papiere haben. Sie sind am anfälligsten für Ausbeutung.  

Inwiefern spielt das im Wahlkampf eine Rolle?  

Das spielt eine ganz zentrale Rolle. „Illegale“ sind eine der wichtigsten Zielscheiben des FN. Le Pen zeichnet sie als Konkurrenz, als Feinde der französischen Arbeiter. Davon reden sie die ganze Zeit. Der FN will es unmöglich machen, dass diese Menschen einen Aufenthaltstitel bekommen können und fordert systematische Abschiebungen. Das ist ihre Ideologie.  

Wie argumentieren Sie als Gewerkschaft dagegen?   

Wir sagen: Diese Menschen sind hier und arbeiten hier. Deswegen gehören sie dazu. Sie haben ein Recht auf Rechte und auf Lohn, wie alle Menschen, egal ob sie Franzosen oder anderes sind. Um gegen den FN zu kämpfen, müssen wir klarmachen, dass diese Kollegen die gleichen Interessen haben, wie die französischen Arbeiter: An starken Arbeitnehmerrechten nämlich. Das verbindet die Menschen. Mit dieser Logik der Einheit durchbrechen wir der Logik des Gegeneinander von Le Pen.

Wie reagieren die französischen Kolleg_innen?  

Es gibt eine große Solidarität mit den Streiks migrantischer Arbeiter, besonders mit dem in Rungis, auch von anderen Gewerkschaften. Auch innerhalb der CGT ist das Bewusstsein für diese Frage gewachsen. In den 1980er Jahren war das noch anders. Aber seit etwa 2008 hat die CGT da sehr klare Beschlüsse.  

Hat der Front National also am Ende bei der Mobilisierung für gewerkschaftliche Kämpfe geholfen?

Sagen wir: Es war möglich einen Widerstand gegen seinen Diskurs zu organisieren. Deshalb ist es so, das heute 56 Prozent der Franzosen dafür sind, Papierlosen Arbeitern Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis zu geben. Die Anhänger des Front National sind in der Minderheit.  

Dieser Beitrag wurde der Publikation "Forum Migration April 2017" entnommen.